... und er sah, das es gut war (1/3)

Soulsnatcher 12.07.2011; 10:23;

Kategorien: Leben , Jakobsweg, Es war einmal,

Warten in Frouard Es gibt wenig Orte auf der Welt, die trister zu sein scheinen als Frouard. Die eine Stunde Aufenthalt reichten nicht, um sich auf die Socken zu machen und den Ort zu erkunden, also blieb ich am Bahnhof. Eine Bar oder wenigstens einen Kaffeeautomaten, ja selbst eine Toilette gab es nicht. Also hockt sich der Pilger bescheiden auf eine Bank, trinkt Wasser aus der Flasche und wartet auf den Anschlußzug.
Seit kurz nach 7:00 Uhr an diesem Morgen war ich unterwegs. Ein paar Minuten vor der Abreise hatte ich beschloßen, ein Stück den Jakobsweg weiter zu gehen. Ab der Stelle an der ich ihn verlassen habe. Also habe ich meinen Rucksack geschultert, den Wohnungsschlüssel bei der Nachbarin im Briefkasten hinterlassen, bin zum Bahnhof marschiert und habe den nächsten Zug nach Saarbrücken genommen. Ich bin besser vorbereitet als 2008. Habe weniger Gepäck, eine Wegbeschreibung aus den Quellen katholischer Geheimgesellschaften und wesentlich bessere Laune. Daher setzt der Entspannungsfaktor auch deutlich eher ein. Niemand treibt mich, ich habe weder Vorgaben noch Ziele. Ich gehe einfach, so lange ich Lust und Geld dazu habe.
Als die Ansage "Prochain arrêt (Nächster Halt): St. Avold" ertönt, kommen Erinnerungen in mir hoch. An die Tour drei Jahre zuvor. Von Medelsheim nach Toul. Damals hatte ich mir in Toul geschworen ich käme wieder und ginge weiter. Ziemlich genau ein Jahr später lag ich im Krankenhaus. Im Jahr darauf wurde mein Urlaub aus Personalmangel gestrichen und in diesem Jahr? In diesem Jahr bin ich auf dem Weg in einen neuen Job, Resturlaub, Zeit bis Ende August - wenn auch im Leben nicht genug Geld um so lange unterwegs zu sein. Zumal ich sicher wieder Fehler mache wenn ich unterwegs bin - mach ich immer, gehört dazu.
Kurz nach St. Avold sehe ich eine Weile aus dem Fenster. Die Lorraine zieht vorbei, eine wunderschöne Landschaft, Streifen aus Büschen und Bäumen unterteilen die grünen Hügel in große Felder und Weiden. Letztere meist bewohnt von einer Handvoll Kühe oder Rinder.
Nun hocke ich also in Frouard und das Nest ist so tot und verlassen wie eines dieser mexikanischen Bergdörfer kurz bevor die Bandidos auftauchen. Toul
Bei der Ankunft in Toul sehe ich als erstes denselben "Chef des Service" der mir schon 2008 bei der Abfahrt sehr bemüht weiterhalf, als der Zug Verspätung hatte. Am Schalter derselbe Beamte der sich alle Mühe gab, herauszubekommen, wo ich eigentlich hinwill. Ich bin versucht, beide anzulächeln und zu grüßen, aber die würden nicht mehr wissen wer ich bin.
Ich finde sofort das kleine Cafè in dem ich meinen letzten Cafè au Lait getrunken habe, bevor ich Frankreich verließ. Der Kellner ist immer noch dieser lange, schlagsige Typ, dem alle Hosen zu kurz zu sein scheinen und der sich schier überall bücken muss. geradeaus, geradeaus, geradeaus, geradeaus
Dann schultere ich meinen Rucksack, ziehe die Tragegurte noch einmal nach und gehe los.
Ich will noch ein oder zwei Orte weiterziehen und mir dann ein Quartier für die Nacht suchen.
Zwei Stunden später erreiche ich müde, hungrig und durstig einen kleinen Ort namens "Choloy-Ménillot". Hier gibt es weder Herberge, noch Hotel oder Gîte. Auch keine Möglichkeit etwas einzukaufen. Zumindest füllt ein freundliches Ehepaar mir noch einmal meine Wasserflasche bevor ich etwa eine halbe Stunde lang bergauf laufe, dann zwei Stunden lang nur geradeaus durch einen Wald und dann wieder eine dreiviertel Stunde lang bergab.
Endlich erreiche ich Vaucouleur. Damit bin ich dann etwa 20 km gelaufen, dabei wollte ich gar nicht so weit. Aber immerhin sollte es hier ein Hotel geben.
Da ich eigentlich nicht so weit wollte, bin ich relativ schmerzfrei dabei. mir ein Taxi zu nehmen. Denn Taxifahrer kennen ja wohl die Hotels.
Fehlanzeige!
Madame Chauffeur ist zwar sehr freundlich, kennt aber kein Hotel in Vaucouleur. Nach zweimal Nachfragen erfahren wir, das es wohl mal eines gab, aber das hat geschlossen. Also macht sie mir den Vorschlag, mich nach Gondrecourt-le-Château zu bringen. Das wäre mein Reiseziel für den zweiten Tag gewesen. Aber was solls. Überspringen wir einen Tag.
"C'est parti"- auf gehts.
In Gondrecourt setzt sie mich dann bei dem Chambe d'hotes ab. Das Haus wird geführt von einer sehr resoluten Dame um die 65. Wirklich sehr resolut. Sonnenuntergang über Gondrecourt
Zunächt einmal habe ich meine Schuhe in der Waschküche auszuziehen, mit Schuhen lauf ich ihr nicht durch das Haus. In dem mir zugewiesenen Raum steht ein Doppelbett und ein Einzelbett, aber ich sollte es nicht wagen mich in das Doppelbett zu legen, das ist für verheiratete Paare. Irgendwie glaube ich ihr, das sie sich bei Paaren die Ausweise zeigen lässt. Das ich kein Wort französisch kann, ist ihr mal völlig egal. Sie plappert dennoch auf mich ein und ich gebe ihr das Gefühl zuzuhören. Wir verständigen uns darauf, das ich nach dem Essen dusche. Also gehe ich erst einmal in den Ort hinab, finde im Schatten der alten Festung eine kleine Bar in der ich eine Riesenpizza und zwei Glas Bier geniesse. Oder waren es drei?
Der Wiederaufstieg auf den Berg zum Chambre fiel mir auf alle Fälle nicht so leicht...
Vor dem Chambre angekommen, lehne ich mich an die kleine Mauer um Madames Grundstück, rauche einen Zigarillo und genieße den Sonnenuntergang.
Nach dem Duschen steht Madame plötzlich im Nachthemd vor mir. Frühstück gibt es um acht. Ich habe Pünktlich zu sein, denn sie hat noch viel zu erledigen. Nur damit das geklärt ist.
Qui Madame, iss klar, ne?
Gute Nacht da draußen, wo immer ihr sie auch verbringen möget, denke ich beim Einschlafen noch und lächle...



Tags: Leben , Jakobsweg,



4 Kommentare

Sofasophia

12.07.2011; 14:07

tja, da bin ich ja mal auf die fortsetzung gespannt. willkommen zuhause ... :-)

Soulsnatcher

12.07.2011; 15:07

Danke. Da ist es in diesem Fall wirklich schöner. :-)

Irgendlink

13.07.2011; 08:07

Ich bin einmal durch diese Gegend geradelt. Beängstigend leer. Rauch dort bloß keinen Joint, sonst hört es nie auf. Die einzige Lebensmittelversorgung in den Dörfern sind fahrende Boulangerien, hupend in den Dörfern

Soulsnatcher

13.07.2011; 11:07

Ja, so was hatte ich aus einigen Erklärungen auch verstanden.
Allerdings nicht Samstag und Sonntag :-)

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