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... und er sah, das es gut war (2/3)
Soulsnatcher 13.07.2011; 12:00;
Kategorien: Leben , Jakobsweg,
Natürlich habe ich verschlafen!

Sehr zu Madames Leidwesen, die wirft mich dann auch mit einem lautstarken, wenig freundlich klingenden Ruf aus dem Bett. Wie konnte mir das nur passieren?
Ganz einfach: Ich war müde von der Reise, hatte ein paar Bier und ein gemütliches Bettchen. Da passiert so was. Schon kurz darauf nehme ich mein Frühstück in dem uralt aber gemütlich wirkenden Frühstücksraum von Madame ein. Hier wirkt alles so, wie vor vielen Jahren. So als habe sich nichts geändert und ich kann mir gut vorstellen das Madame schon ihre Jugend hier verbracht hat. Dann schnappe ich mir mein Gepäck, bezahle die Rechnung und laufe los. Mal wieder. Gondrecourt ist eines dieser Dörfer in denen die Häuser so gebaut sind, das man keines dazwischen abreissen könnte, da der Rest dann in sich zusammenfallen würde. Ob die Erbauer jemals über Feuersbrünste oder Gasexplosionen nachgedacht haben?
Haus an Haus steht da, Wand an Wand. Einiges Windschief, bröckelnder, verwaschen wirkender Putz.

Dank der Wegbeschreibung die ich dabei habe, finde ich meinen Weg schnell und tauche in die grüne Landschaft ein. Laufe weiter, immer weiter und biege dann irgendwann in Cirfontaine auf den "
sentier de historique de Jeanne d'Arc" ein und laufe weiter und weiter.
Erste Zweifel steigen in mir auf.
Vor mir: grün, hinter mir: grün, rechts: grün und - völlig überraschenderweise - links von mir: grün.
Ich bin alleine unterwegs, es gibt keine anderen Wanderer, keine "Begegnungen auf dem Jakobsweg" und die Frage nach dem Warum steigt in mir auf. Eigentlich war ich ja auf der Suche nach neuen Impulsen, kleinen Abenteuern durch das Entdecken.

Aber so allein in den französischen Wäldern findet sich davon nichts. Eigentlich sehen die aus wie die Wälder in Deutschland. Was solls, ich bin nun mal hier und laufe weiter. Alles ist gut, es funktioniert und ich habe zum Ausgleich dafür, das ich gestern weiter gelaufen bin als geplant auch noch eine ganze Tagesetappe übersprungen. Was will ich da mehr?
Daher kann ich beruhigt so weit gehen wie es mir gefällt und Pause machen wann und wo ich will.
Doch das Leben ist manchmal eine gemeine kleine Hexe.
Ich komme durch einige Orte aber keiner davon weckt mein Interesse weit genug als das ich da bleiben möchte. Die letzten Jahrhunderte scheinen an einigen Orten spurlos vorbeigegangen zu sein. Könnte man glauben wenn da nicht so viel Autos parken würden. Aber wer hat die Autos eigentlich da hin gestellt? Ich sehe kaum potentielle Fahrer. Ab und an mal Kinder, Hunde Katzen und ein paar Ziegen. Einmal treffe ich auf eine Familie. Papa joggt mit nacktem, gestählten Oberkörper, Mama und die Kinder folgen auf Rädern. Er beschreibt mir kurz den weiteren Weg und die Tattoos auf seinem Körper weisen ihn als Soldaten mit dem Sternzeichen Steinbock aus. Interessanter Mensch mit sehr guten Deutschkenntnissen, aber auch der letzte Mensch den ich in diesem Ort vorfinde.
Am Nachmittag erreiche ich das Ziel meiner Tagesetappe: Echenay.
Laut meiner Wegbeschreibung gibt es hier eine Übernachtungsmöglichkeit, ein Gîte am Endes des Dorfes. Das ist noch da.... allerdings seit ein paar Monaten geschlossen. Madame erklärt mir das es in Echenay auch leider nichts anderes mehr gibt. Dann beschließt sie, das ich im Kinderzimmer ihrer Tochter schlafen kann, die ist nämlich mittlerweile mit einem Österreicher verheiratet und lebt in Frankfurt. Na prima, das ist doch nicht schlecht.

Letztlich disponiert sie aber doch noch einmal um, sie haben ja Abends noch einen Termin, und ich lande in einem Gîte in Joinville. In einer Luxusferienwohnung für 60 Euro die Nacht... und habe wieder eine Tagesetappe übersprungen.
Wenn das so weitergeht, sehe ich Ende der Woche die Pyrenäen.
Die Ferienwohnungen hier liegen alle ebenerdig und man kann wunderschön vor der Wohnung auf einer Art Terasse sitzen und entspannen. Genau das mache ich, nachdem ich noch schnell zwei T-Shirts im Waschbecken gewaschen habe und ein halbes Kilo französischen Kartoffelsalat mit einer Dose Bier heruntergespült habe.
In der angrenzenden Ferienwohnung residiert eine Französin mit Sohn und Tochter. Die Kinder sind so ungefähr acht bis zehn Jahre alt, ganz offensichtlich sehr gut erzogen und zuerst höre ich nur, wie Mama mit der Tochter fließend französisch spricht. Kurz darauf kommt ihr Sohn noch einmal um die Ecke, und fragt Mama in einwandfreiem Deutsch mit leicht österreichischem Akzent, ob er die Schuhe ausziehen darf. Wundere ich mich darüber? Noch nicht, als jedoch Mama auf englisch, mit starkem, franzöischen Akzent antwortet schon.
Ich hätte nur zu gern die Geschichte hinter dieser Familie erfahren, doch als Mama wenig später nach draußen tritt, quittiert sie mein freundliches Lächeln mit einem so bissigen Gesichtsausdruck, das ich froh bin, eine noch gültige Tetanusschutzimpfung zu haben.
Mir ist aber gerade nicht klar, ob diese Impfung auch gegen Tollwut hilft.
Daher beschließe ich, auf weiter Kontaktversuche zu verzichten und Schlafen zu gehen....
Als ich mir die Bettdecke bis zum Kinn ziehe und meine schweren Augenlider schließe, denke ich bei mir:
Gutes Kennenlernen da draußen, wo immer ihr auch (k)eine Schutzimpfung habt.
Tags: Leben , Jakobsweg,
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