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... und er sah, das es gut war (3/3) Fin
Soulsnatcher 14.07.2011; 12:00;
Kategorien: Leben , Jakobsweg,
An diesem Morgen finde ich im Bad zwei noch feuchte T-Shirts und vor der Tür einen grauen, wolkenverhangenen Himmel.

Ich schicke eine ziemlich genervte SMS an meine Nachbarin, die antwortet mit aufmunternden Worten, denen ich zustimme.
Das Frühstück passt in die Kategorie "geht so", lediglich die Bedienung ist eine Augenweide und der offenbar zum Gîte gehörende Labrador ein freundlicher Kerl namens Henry.
Meine Stimmung ist daher nicht sonderlich gut, als ich losmarschiere. Zunächst führt mich mein Weg zur Kathedrale "Notre Dame", ein sehr schöner Bau im cluniazensischen Stil. Ein paar

Bildchen mit dem Handy und weiter gehts. Beim verlassen der Stadt denke ich kurz, das es wieder einer dieser französischen Orte in einer dieser französischen Landschaften ist, den ich da verlasse.
Über einen Feldweg der oberhalb einer Verbindungsstrasse verläuft erreiche ich mit Rupt den nächsten Ort. Wieder werde ich, wie schon an den Tagen davor, von einer Vielzahl an "Bremsen" angegriffen, welche Sturzkampfbombern gleich in meine Privatsphäre eindringen.
Aber jeder einzelne der Aggressoren bezahlt seine Attacken mit dem Leben.
In Rupt würde ich gerne noch einen Kaffee trinken, jedoch gibt es zum einen weder ein Café noch eine Boulangerie, zum anderen ist es Sonntag Mittag. Wenn es da etwas gäbe, wäre es geschloßen. Relativ gelangweilt hocke ich mich auf eine kleine Mauer an der Kirche, rauche, trinke Wasser und gehe dann weiter. Das Wasser habe ich am Abend zuvor in einem Marche gegenbüber meines Gîte erstanden. Es schmeckt merkwürdig salzig.
Etwa eine weitere, ereignislose Stunde später, erreiche ich Fronville, stelle fest das der Ort ebenfalls belanglos und scheinbar tot, dafür aber nass ist denn es hat begonnen zu regnen.
Ich krame meine Jacke aus dem Rucksack und ziehe die Regenhülle über das Gepäckstück, dann marschiere ich weiter, habe den falschen Weg gewählt, marschiere wieder zurück. Zum zweiten Male vorbei an einem kleinen Häuschen, direkt am Bahndamm in dessen Garage scheinbar eine kleine Grillfeierlichkeit stattfindet und in dessen Vorgarten ein weiterer Labrador freundlich bellt.
Wieder lege ich eine Pause ein, rauche und betaste mein Knie. Der Schmerz kam am Morgen und war mir noch bekannt. Drei Jahre zuvor begann er bereits am ersten Tag in Auersmacher und zwang mich dazu, einen Tag Auszeit zu nehmen. Unterdessen prasselt der Regen noch eine Weile auf meinen Hut, meine Jacke und die Regenhülle des Rucksacks.
Da hockte ich nun. Gelangweilt, genervt und feucht.

Schluss mit Lustig. An dem Bahndamm mit dem kleinen Häuschen war auch eine Bahnhaltestelle. Da ich weder mit den codierten Fahrplänen, noch mit den Richtungsangaben etwas anfangen kann, gehe ich mal rüber zu dem Häuschen, frage ob man mich versteht und mit einem lustigen Gemisch aus Englisch und Französisch macht man mir klar, das dort heute kein Zug kommen wird, denn da halte der Zug nur "Lundi á Vendredi", also Montag bis Freitag. Pauline und Gi fahren mich aber gerne nach Joinville. Sehr nett die beiden. Rufen zum Abschied noch "Tschüss" und brausen davon. Ich muss noch 50 Minuten warten bis der Bahnhof öffnet. Ein Ticket nach Saarbrücken hätte ich gern. Kein Problem. Aber 4 mal umsteigen. OK, das ist wiederrum kein Problem für mich... bis ich die Reiseroute in Augenschein nehme. Ich starte um 13:50 nach Culmont Chalindre, was etwas 90 km weiter südlich liegt.

Hier muss ich 2 Stunden auf den Anschlusszug nach Nancy warten. Dort bleiben mir 10 Minuten um den Zug nach Metz zu erreichen. Da darf ich mich dann eine knappe Stunde auf dem Bahnhof herumdrücken bis der Zug nach Forbach geht. Hier verbringe ich ebenfalls annähernd eine Stunde bis ich nach zehn weiteren Minuten in Saarbrücken ankomme. Dort warte ich noch mal 45 Minuten für den Zug nach Homburg.
Die ganze Route auf Google Maps
gibt es hier.Auf dem Bahnsteig in Joinville und später noch eine Weile im Zug, habe ich Gelegenheit, mich mit einem rumänisch-stämmigen Gymnasiallehrer zu unterhalten, der in Joinville lebt. Er teilt meine Meinung was die Ignoranz und das Unverständnis vieler Menschen angeht. Eine sehr interessante und gebildete Persönlichkeit.
In Metz hingegen hatte ich dann Gelegenheit eine Mutter zu beobachten, die diesen Titel nicht im Mindesten verdient zu haben schien.
Erst schleift sie ihre Tochter (vielleicht sieben bis neun Jahre alt) hinter sich her durch die Bahnhofshalle. Das Tempo war viel zu hoch für das Kind, deshalb stürzte es, riss "Mama" dabei fast mit um. Die rastet daraufhin fast vollständig aus, schlägt das Kind schreiend an den Hinterkopf, zerrt es am Haarschopf in die Höhe wie man es vom Wrestling her kennt und stösst es vorwärts. Doch hatte das Kind sich beim fallen mit den Beinen in dem Träger der viel zu großen Umhängetasche verfangen, stürzt erneut auf die Knie. Daraufhin reißt Mama die Tasche mit solcher Gewalt nach oben, das es dem Kind die Beine nach hinten wegreisst und sie erneut mit dem Gesicht auf den Steinboden prallt. Da niemand der näher stehenden Personen einen Ansatz zum eingreifen macht, stemme ich mich in die Höhe und beschließe, das es an der Zeit ist, die knapp 20 Meter im Laufschritt zu überwinden und Ohrfeigen auszuteilen. Doch im gleichen Moment erscheinen die beiden bulligen Männer vom Sicherheitsdienst, sprechen die Frau freundlich an, sagen irgendwas, beachten das Kind weder, noch schauen sie ob es verletzt ist und wünschen "Bon voyage (Gute Reise)".
Schon ist Madame verschwunden und zurück bleiben einige Witze machende Reisende und ein Pilger mit sehr unheiligen Gedanken.
Ich bin sehr froh, als mich die Nachbarin nachts um 1:45 in Homburg am Bahnhof abholt. Müde lade ich meine müden Knochen in ihren Wagen und eine halbe Stunde später sitze ich mit hochgelegten Beinen und einer Dose Bier auf meiner Couch.
Die Reise war nicht uninteressant im Ganzen, aber überwiegend langweilig. Da tut es gut, heim zu kehren.
Ob ich noch einmal den Jakobsweg in Angriff nehme? Schwer zu sagen. Vielleicht nicht, aber wenn doch, dann entweder nicht allein, oder aber direkt in Spanien, wo es wesentlich mehr Übernachtungsmöglichkeiten und weitere Pilger gibt.
Gutes Heimkehren da draußen, wo immer ihr auch fort seid.
Tags: Leben , Jakobsweg,
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1 Kommentar
Sofasophia
14.07.2011; 16:07
sieh es mal so: du bist immerhin losgezogen! wer macht das schon?das mit den übernachtunsmöglichkeiten, den fehlenden, ist tatsächlich doof. und wenn es regnet, kannst du auch nicht draussen schlafen. es sei denn, du findest eine scheune.
ich persönlich bin nach deinen berichten noch einen tick mehr zur antipilgerin mutiert ;-)
aber eins ist trotzdem echt schade! dass wir uns nun nicht weiter mit berichten von soulsnachters pilgererlebnissen füttern können. schade ...
eine bemerkung sei mir noch erlaubt: auf der suche nach dir selbst, auf der suche nach frieden, wie du es ein paar artikel vorher geschrieben hast, ist da langeweile nicht ein wesentlicher bestandteil von? langeweile - hier nicht negativ verstanden, sondern als zutat auf dem weg zur eigenen mitte - ist nicht einfach auszuhalten. im gegenteil. sie zehrt an den nerven und gaukelt sinnlosigkeit vor, wenn grad nichts passiert. aber vermutlich ist sie dennoch auf diesem weg unumgängliche wegbegleiterin?