Cuisine traditionell dans Verdun

Soulsnatcher 11.04.2010; 11:03;

Kategorien: Leben , Sonntag, Schätze, Unterwegs, Geocaching,

Was ich an meinen verschiedenen Interessen mag, ist das sie sich leicht verbinden lassen. Geocachen, Fotgrafieren und Reisen zum Beispiel. Bei unserem Trip nach Verdun kam noch das Interesse an Geschichte und Kultur hinzu.
Schon auf dem Hinweg haben wir 6 Caches gefunden. Nicht so spektakulär, ein leeres Travelbughotel und ein paar Micros. Aber zumindest kann man sich ein wenig einstimmen und es wird nicht einfach nur eine langweilige 2 Stunden Fahrt. Es tut gut sich in der Frühlingssonne zu bewegen. Einfach so.
Kurz vor Verdun fanden wir den letzten, ein Denkmal das an Tolkiens Nazgul zu erinnern schien und der nächste zu findende Punkt war das Hotel du Tigre. Einchecken und auf den Weg Richtung Verdun Centre Ville machen.
In dieser Stadt wird die Geschichte schnell wieder lebendig. Sei es durch das alte Stadttor, oder durch monumentale Denkmäler. Spätestens hier geht einem wieder durch den Kopf, wie schlimm das damals, 1916, gewesen sein muss damit man sich hier so eine Mühe gibt, das bloß nicht zu vergessen. In einer kleinen Seitengasse, gerahmt von uralten Häusern erwarte ich jeden Moment Männer und Frauen, mit roten Kopftüchern, Fackeln und Heugabeln zu sehen, jedoch finden wir ein kleines Restaurant an dessen Scheibe ein paar aufgeklebte Buchstaben "Cuisine traditionell" versprechen.
Eintreten und mit Hilfe der mageren Sprachkenntnisse einen Tisch für zwei erhalten, hinsetzen und Atmosphäre atmen. Der Kellner stellt uns zur Speisenauswahl eine handgeschriebene Tafel auf den Tisch, hält sie fest und erwartet unsere Bestellung. Schnell scanne ich die Tafel mit den Augen nach dem Wort "Escargot", stelle erleichtert fest das es hier keine Schnecken gibt und ordere zur Vorspeise Tart au Brie.
Ich sehe mich um. Das Lokal ist klein, das Licht gedämpft und beeinflusst durch den Schimmer der grünen und roten Neonröhren vom Lokal gegenüber. Die sind nicht so hell, sondern die Gasse so schmal und die Scheiben unseres Restaurants so groß. Die Tische stehen dicht an dicht. Auf dem Weg zum Händewaschen muss ich mindestens 5 mal Pardon sagen, weil ich Menschen die an ihrem Tisch sitzen anstoße. Die Antwort ist meist ein Lächeln, scheint hier normal zu sein. Berührungsängste offenbar fehl am Platz.
Nach dem Essen, auf dem Rückweg durch das nächtliche Verdun, bewegen wir uns wieder auf der "Voie sacrée" und eine erste Vorahnung darüber, was uns am Tag darauf erwartet schwirrt durch meine Gedanken.
Vor meinem rotweingeschwängerten, geistigen Auge wird das Bild zunächst schwarzweiss, dann erhält es eine leichte Sepiatönung. Die fast leere Strasse füllt sich mit uralten Berliet-LKWs die auf dem plötzlich auftauchenden Kopfsteinpflaster entlangrumpeln. Am Rande der Strasse, links und rechts, endlose Reihen vor sich hinstapfender, teilweise rauchender, selten lächelnder Soldaten in französischen Uniformen und mit großen Schnauzbärten, die wissen das sie auf dem Weg in die Hölle sind. Im Hintergrund, nur überlagert vom Lärm der Kolonne das permanente Donnern der Artillerie.
Das endlich erreichte Hotel verspricht mir Schutz und Ruhe.

Nach dem französischen Frühstück mit Croissants und Marmelade besuchen wir zuerst das "Mémorial de Verdun" und schon nach ein paar Minuten sind alle Geocaches dieser Welt vergessen. Das Memorial ist vollgestopft mit Waffen, Informationen und sogar mit einem kleinen Stück Schlachtfeld das den Besucher erahnen lässt, warum der erste Weltkrieg als Urkatastrophe und Verdun als Sinnbild des ersten Weltkrieges gesehen wird. Hier lässt sich nichts verklären, romantischer darstellen oder sonstwas. Die Männer die an dieser Front lagen waren für alle Zeiten verloren. Die, deren Körper nicht geschädigt wurde werden sicherlich den Rest ihres Lebens den Gedanken an diese Zeit nicht losgeworden sein. Vielleicht gibt es deshalb auch nur wenige Filme über diese Zeit. Einfach weil sich soviel Grauen gar nicht adäquat in einem Film darstellen lässt.
Einige der dargestellten Exponate lassen einen erahnen, mit was für einer gewaltigen Feuerkraft hier gearbeitet wurde und das ausgestellte, kleine Stück Schlachtfeld stellt dar, wie schwierig es gewesen sein muss, hier einige Meter zurückzulegen, ohne auf Fussangeln, Leichen oder Blindgänger zu treten.

Beim Verlassen des Museums bin ich auf einmal nur froh wieder in der Frühlingssonne an der frischen Luft zu stehen und kein Artilleriefeuer zu hören. Doch schnell, schon nach wenigen Metern Fahrt holt einen das gesehene ein. Die Millionen und Abermillionen Granaten haben die Erde der Gegend und des Schlachtfeldes so vernarbt, das die Spuren bis heute zu sehen sind. 94 Jahre nach der Schlacht kann man noch einen Trichter nach dem nächsten sehen und wären nicht das Gras und die Bäume, die mittlerweile wieder gewachsen sind, käme man sich vor wie in einer Mondlandschaft. Wir wandern auf der Suche nach einem Cache durch die Ortschaft Fleury. Oder besser durch das, was Fleury einmal war. Heute zeugen nur noch Gedenksteine davon, welches Haus einmal wo gestanden hat. Hier ein Bauernhof, da ein Pfarrhaus, dort ein Bäcker. Gelegentliche Trümmerteile die einfach so herumliegen verstärken nur noch den Eindruck.
Der nächste Cache führt uns zu einem Fort. Die Kämpfe hier haben deutliche Spuren hinterlassen und dank meiner überragenden Sprachkenntnisse ist mir klar, dass das Schild "Danger Defense D'Entre" mich zu einer Besichtigung im Inneren einladen will. Bedrückende Enge, leise Tropfgeräusche und Dunkelheit umfangen mich, erhellt vom Blitzlicht meiner Kamera. Sonnenlicht fällt durch die Geschützöffnungen die den Blick auf das Gefechtsfeld freigeben.

Am Beinhaus von Douaumont ist das Fotografieren verboten und der Plan die kleine Kamera heimlich hineinzuschmuggeln ist schnell gefasst, doch nach einem Blick auf die Gebeine hinter den kleinen Fenstern kommt der Gedanke auf, dass man manche Verbote einfach respektieren sollte.
Aufgeschüttet auf Haufen liegen hier die sterblichen Überreste von 130.000 unbekannten Soldaten. Die leeren Augenhöhlen eines Mannes starren mich an und ich stelle mir Fragen: Wer warst du? Woher kamst du? Starbst du schnell und gnädig und wie oft mussten deine Kameraden, die, die noch wussten wer du warst über deine sterblichen Reste springen um im Hagel der feindlichen Kugeln den nächsten Graben zu erreichen? Nach der Schlacht von Verdun wurden in vielen Armeen die metallenen Erkennungsmarken eingeführt, die heute noch üblich sind. Wer diese Haufen an unsortierten und nicht zuzuordnenden Knochen sieht, weiss warum.
Die Filmvorführung im Beinhaus endet mit nachdenklich stimmenden Sätzen: "Wir waren die Männer hier im Schlamm. Wir waren zwanzig, wir waren dreissig.....
Wir waren Leben."


In der großen Halle des Beinhauses, in der auf jedem Stein der Name eines Gefallenen, sein Geburtsdatum (wenn bekannt) und sein Sterbedatum eingemeisselt wurden, beeindrucken und ich bin plötzlich leise und ruhig. Wir schreiten durch die Halle und gleich der erste Stein der mir bewusst auffällt, zeigt mir, das dieser Mann auf den Tag genau 50 Jahre vor meinem Geburtsdatum starb. Am Hang vor dem monumentalen Gebäude befindet sich ein Friedhof mit den Menschen, deren Namen und Herkunft bekannt waren. In scheinbar endlosen Reihen liegen sie Seite an Seite, jedes Grab markiert durch ein einfaches weisses Kreuz.

Kaffee und Kuchen in einem nahe liegenden Restaurnt, ein Cache an einer Gedenkstätte und ein letzter Cache in Douaumont, danach bringt uns die Voie sacrée zurück zur Autobahn und damit nach Hause. Unterwegs hallt ein Satz lange in mir nach:
"Wir waren Leben."

Schönes Leben da draussen, wo immer ihr auch lebt.

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Tags: Leben , Unterwegs, Schätze, Frankreich, Verdun,



4 Kommentare

Ronin

11.04.2010; 14:35

Klingt spannend, wenn ich ehrlich bin, bei nächster gelegenheit fährst du da aber auch mit mir nochmal hin. Oder?

Mao-B

14.04.2010; 09:57

Beeindruckend und bedrückend... der erste Teil der grossen Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Alles ist subtiler geworden seit dem. Ich glaube (und hoffe!) nicht das es einen derartigen "bewaffneten Konflikt" noch einmal geben wird.

Ronin

15.04.2010; 21:45

Mh, zu hoffen ist es auf jeden Fall. Auch wenn die Welt mittlerweile wieder ein ziemliches Pulverfass geworden ist und geschichte dazu neigt sich gern mal zu wiederholen.
Hoffen wir das beste.

Anj

17.05.2010; 11:01

So interessant ein Ausflug auch ist, nichts rundet ihn besser ab und macht ihn perfekter als Kuchen am Ende. ^^

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