Ich denke oft an Piroschka « Das Ende » Was soll ich sagen?
Das Ende
Soulsnatcher 25.10.2011; 10:56;
Kategorien: Leben ,
Martin wusste nicht, woher das knarrende Geräusch kam. Aber solche Geräusche entstanden wohl einfach, wenn man beim Umbauen war. Wieder schlug er mit dem 15 Kilo schweren Hammer gegen die Wand. Krachend barsten die Hohlblocksteine, ein Splitter traf seine Schutzbrille und flog mit geändertem Kurs weiter. Dafür gab es schließlich Schutzbrillen.
Wieder dieses Knarrende Geräusch. Nun wurde ihm etwas mulmig. Er stützte sich kurz auf dem Hammer ab, atmete schwer. Das war nicht seine Art von Arbeit. Als freier Journalist war er leichtgängige Laptop-Tastaturen und den Auslöser seiner Kamera gewohnt. Erst als er sich entschied, diese Wohnung zu kaufen und den Wohnraum zu vergrößern in dem er eine überflüssige Wand herausnahm, kam er in Kontakt mit solchen Werkzeugen. Aber irgendwie machte ihm das Spaß.
Für heute, den Tag des eigentlichen Wanddurchbruchs, hatten sich noch zwei Freunde angesagt. Er hatte bereits alles eingekauft und organisiert. Wasser für die Dauer des Umbaus, Bier und Fleisch für das Grillen danach.
Martin schätzte die Ruhe in diesem Haus. Außer ihm wohnte erst eine weitere Familie im Haus, eine Etage unter ihm. Bisher waren auch noch keine weiteren Eigentümer in Sicht. Da die Familie unter ihm gerade an diesem Morgen in einen längeren Urlaub verreist war, konnte sich niemand am Lärm stören der bei dem Herausreißen der Wand entstand. Leider hatten ihn seine Freunde wohl versetzt oder vergessen und so beschloss er, nach einer Stunde des Wartens: Selbst ist der Mann.
Er setzte seine Schutzbrille auf, zog die Handschuhe an und begann, die Wand herauszuschlagen. Die ersten Steine schienen nur zu splittern. Dann fiel der erste polternd nach hinten. Ein Loch erschien in der Wand und er konnte sich nicht verkneifen ein „Tim Taylor Mäßiges Männergrunzen“ auszustoßen.
Mittlerweile tat ihm der ganze Körper weh, doch zumindest hatte er die Wand schon fast komplett beseitigt.
Wer brauchte Freunde, wenn er einen 15 Kilo Hammer hatte?
Das Knarren war nicht mehr zu hören. Er entschloss sich, weiter zu arbeiten, hob den Hammer und schlug zu. Danach schienen für einen Moment die Bilder in Zeitlupe abzulaufen. Der schwere Hammer traf einen Stein, dieser rutschte nach hinten, fiel, eine kleine Staubwolke stieg auf. Wieder ertönte das knarrende Geräusch, diesmal deutlich lauter, länger, ergab sich in einem eher klirrenden Crescendo aus raschelndem, stürzendem Schutt. Die Decke über ihm brach regelrecht entzwei. Bevor er reagieren konnte, traf ein Stein, der scheinbar in der Decke gelegen hatte seinen Kopf. Der Schmerz zwang ihn Augenblicklich in die Knie. Wie ein Wasserfall aus Schutt und Asche ergossen sich der Inhalt der Decke und weitere Trümmer über ihn, zwangen ihn in die Knie, nagelten ihn auf dem Boden fest und begruben ihn unter sich. Aber das bekam er schon nicht mehr mit.
Als er erwachte konnte das ganze Unglück noch nicht lange er sein, denn er konnte noch immer das leise Prasseln und Rieseln fallenden Schutts hören. Als er versuchte die Augen zu öffnen drang sofort Dreck zwischen seine Lider. Er versuchte aus einem Reflex heraus mit der rechten seine Augen frei zu wischen. Aber er konnte die Hand nicht bewegen, auch der Versuch die Linke zu nehmen, schlug fehl. Beide Hände schienen festzusitzen. Innerlich machte er so etwas wie eine Bestandsaufnahme. Sein ganzer Körper schmerzte, aber nicht wie nach einem Schlag, eher als stünde er unter Druck. Es gelang ihm allenfalls Zehen und den linken, kleinen Finger zu bewegen.
‚Ich bin verschüttet‘, ging es ihm durch den Kopf.
‚Verschüttet in meiner eigenen Wohnung.‘ Fast hätte sich ein irres Lachen aus seiner Brust gerungen, aber er kämpfte den Impuls nieder. Es gab sicher nichts zu lachen dabei. Er versuchte mit aller Macht gegen die aufkommende Panik zu kämpfen.
Er war lebendig begraben. Niemand war da, der davon wusste und ihn befreien würde. Er war allein. Und Lebendig begraben. Und niemand der nach ihm suchen würde und er war lebendig begraben. So begannen seine Gedanken sich in einem munteren Reigen zu drehen. Wie ein Kinderkarussel. Kinderkarussel. Er erinnerte sich an seine Kindheit. Die Kirmes, der Jahrmarkt, die Karussels.
STOP!
Da begriff er, dass der Wahnsinn in ihm aufstieg. Wieder begann er dagegen anzukämpfen. Er musste kämpfen. Er war auf sich allein gestellt. Und allein. Und lebendig begraben und…
HALT!
Konzentrier dich! Lass dich nicht gehen. Wieviel sind vier plus fünf? Neun, richtig. Jetzt auf, denk nach. Welche Optionen hast du?
Er versuchte, den rechten Arm, trotz des Drucks der darauf lastete, zu bewegen in der Hoffnung, dass er feststellen würde, das vielleicht gar nicht so viel Dreck auf ihm lag. Der Schmerz welcher im nächsten Moment durch seinen Körper jagte, raubte ihm fast die Sinne. Sein Arm war offensichtlich gebrochen. In seinen Augen brannte noch immer der Staub, er konnte daher noch nichts sehen, aber ganz eindeutig hatte er noch ein wenig Glück im Unglück gehabt. Denn in dem Moment, in dem er vor Schmerz aufschrie wurde ihm bewusst, dass er offenbar zumindest Luft bekam. Sie schmeckte nach Staub und Dreck, aber es war Luft. Der Schmerz ließ langsam nach, und die Erkenntnis, wenigstens noch Luft zum Atmen zu haben, beruhigte ihn etwas. Seine juckende Nase beschloss er zu ignorieren, die Panik, ausgelöst durch seine Klaustrophobie bekämpfte er. Das alles konnte er sich gerade nicht leisten.
Nun versuchte er, schon wesentlich vorsichtiger, den linken Arm. Zumindest kam nicht wieder dieser stechende Schmerz, aber der Arm schien auch zu fest zu sitzen, um irgendetwas erreichen zu können. Das Jucken auf seiner Nase wurde schlimmer, drastischer. Unterbewusst zog er mehrere Grimassen, hoffte, den Juckreiz so bezwingen zu können. Zumindest glaubte er, sich so Erleichterung verschafft zu haben. Mittlerweile hatte das rieseln und prasseln aufgehört. Innerlich fluchte er auf seine sogenannten Freunde. Wenn die ihn nicht versetzt hätten… ‚dann wäre dir das vielleicht dennoch passiert, hör auf zu jammern.’ Er musste niesen, das tat weh, doch seine Nase wurde dadurch vom Staub befreit. Danach versuchte er einen Augenblick, sich zu entspannen, lag ganz ruhig, atmete tief durch die Nase. Da stieg ihm ein Geruch in die Nase. Ein eigenartiger Geruch. Etwas metallisch nach Eisen oder Kupfer. Das hatte er schon einmal gerochen. Vor nicht allzu langer Zeit, bei einem Verkehrsunfall. Er wusste sofort was das war. Der ekelhafte Geruch von Blut. Er blutete. Seine Gedanken jagten einander. Wie konnte das alles passieren? Eine Decke war nicht so hoch. Und auch nicht so massiv. Also musste noch mehr zerstört worden sein. Vielleicht war die Wand doch tragend gewesen?
Sicher war sie das. Und nun war wahrscheinlich das halbe Haus auf ihn gestürzt. Irgendetwas musste ihn verletzt haben und nun blutete er. Aber was? Nein, das war unwichtig. Wo blutete er? Und wie stark? Würde sich die Wunde entzünden?
Plötzlich wurde ihm klar, dass er nicht auf Hilfe hoffen konnte. Die einzigen Nachbarn im Haus waren verreist, seine Freunde kamen offenbar auch nicht mehr - er war allein.
Er versuchte ein Bein, das rechte, zu bewegen. Fast hätte er gejubelt als er merkte dass das Bein sich bewegen lies. Also lag Rechts vielleicht nicht ganz so viel Schutt auf ihm. Dann versuchte er es mit dem linken Bein. Es ging, aber nur ein wenig und: es tat höllisch weh. Nicht so weh wie der Arm aber an dem ziehenden Schmerz im Oberschenkel erkannte er, das hier wohl der Schnitt oder Kratzer sein musste. OK, also konnte er das linke Bein nicht bewegen. Und es blutete. Er versuchte sich an den Erste Hilfe Kurs zu erinnern. Da liefen Schlagadern durch den Oberschenkel. Er könnte verbluten.
Alles andere als eine gute Nachricht. Wieder versuchte er es mit dem linken Arm. Erstaunlicherweise lies sich der Arm nun einige Millimeter bewegen. Als er das Bein bewegte hatte er gehört wie sich Schutt bewegt hatte. Vielleicht hatte das etwas von dem Druck auf den Arm genommen. Der Staub brannte immer noch in seinen Augen so das er sich nicht traute sie zu öffnen.
In diesem Moment ertönte der Türgong.
Das war seine Rettung! Wieder ertönte der Gong.
„Hilfe,“ rief er, aber es war nur ein leises Keuchen. Er versuchte es erneut. „Helft mir.“ Wieder ertönte nur ein Geräusch das allenfalls als Krächzen zu bezeichnen war. Ihm wurde klar, dass sein Mund wohl vollkommen ausgetrocknet war und er deshalb nicht rufen konnte. Es kam kein weiterer Ton von der Tür, seine weiteren Versuche zu rufen blieben fruchtlos.
Wie lange lag er jetzt schon hier? Stunden? Minuten oder doch schon einen Tag? Er wusste es nicht mehr. Irgendwann war er eingeschlafen oder ohnmächtig geworden. So genau wusste er das nicht. Als er nun wieder zu sich kam- oder wach wurde – nahm er den Blutgeruch noch stärker war. Er war matt, fühlte sich schwach. Zeit, Raum, Schmerzen, Klaustrophobie und Juckreiz an der Nase waren bedeutungslos geworden. Begriffe wie Hoffnung, Kämpfen und Befreiungsversuche waren unwichtig. Er hatte keine Ahnung warum er wach wurde. Es war ihm auch egal. Er öffnete die Augen und sah das Fenster.
Dahinter ging die Sonne auf...
Die Idee zu dieser Geschichte kam mir heute im Laufe des Tages.
Gutes Wände einreißen da draußen, wo immer ihr auch tapezieren wollt.
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4 Kommentare
Mao-B
30.10.2011; 14:10
...vielleicht hätte Martin vorher mal jemanden fragen sollen der sich damit auskennt.