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Jo's Weg
Soulsnatcher 24.12.2009; 12:06;
Kategorien: Fühlen, Leben , Montag, Donnerstag,
"Jo, los weg! Die Garde!"
Josef, von allen nur Jo genannt wälzte sich von der alten Matraze auf der er versuchte seinen Weinrausch auszuschlafen. Er wusste nicht warum und wieso aber das Zeug war am Abend auf einmal in den Wasserflaschen gewesen. Jo hatte keine Ahnung ob da einfach ein bisschen alter Fruchtsaft gegärrt hatte - Mary trank das Zeug manchmal - oder ob einer seiner anderen Kumpels irgendwo was geklaut hatte. Das Zeug war da, schmeckte erbärmlich aber sie tranken es.
Das plötzliche Auftauchen des Alkohols würden seine Freunde wenigstens nicht auf ihn zurück führen.
Was die Qualität von Essen und Trinken anging waren alle schlimmeres gewohnt. Jo, seine mittlerweile zwölf Freunde und Mary, die sie an der Grenze auf dem Strassenstrich aufgegabelt hatten und die seither mit ihnen unterwegs war weil sie Jo's sanfte Art mochte. Lukas versuchte ihn auf die Beine zu ziehen und weil er sah das Jo sehr wacklig stand, rief er Markus zu das der ihm helfen möge. Mary raffte einige Sachen zusammen und begann ebenfalls an Jo herumzuzerren.
Hektik entstand und Simon, Jos bester Freund und Vertrauter hielt noch immer den Deckel der Kellertür offen.
"Beeil dich Mann."
Den Keller hatten sie durch Zufall in dem abbruchreifen Haus entdeckt, in dem sie sich versteckten seit sie von Rodes gejagt wurden. Lukas schaffte es mit Markus Hilfe, Jo in den Keller zu schaffen, so das Simon die Luke schließen konnte, kurz bevor die Gardisten in den Raum stürmten. Andreas, Simons Bruder, wartete am Kellerausgang auf sie.
"Der Garten ist leer, aber wir müssen uns beeilen, spätestens wenn sie merken dass das Haus leer ist, werden sie auch den durchsuchen." Der Garten war nicht sonderlich groß. Er reichte gerade für eine alte Wäschespinne, ein kleines Blumenbeet und einen verfallenen Sandkasten. Der alte Jägerzaun war zum großen Teil umgefallen oder einfach nicht mehr vorhanden. Die Gruppe hastete durch den Garten und erreichte die kleine Nebenstrasse südlich des Anwesens. Jo warf noch einen Blick zurück. Drei Tage hatten sie sich in dem Haus, das nun durch die Blaulichter der Einsatzfahrzeuge beleuchtet wurde, versteckt. Auf eine bestimmte, ihm nicht verständliche Art hatte er sich dort wohl gefühlt.
Wenn doch die alte Dame bloss nie vor ihm auf der Strasse zusammen gebrochen wäre. Jo hatte die Dame leid getan und als er nach ihr sah, schien sie tot zu sein. Das war auch die einhellige Meinung der umstehenden - und wie immer untätigen - Gaffer. Als Jo der Frau die Hand auf den Bauch legte und sich damit abstützte um zu hören ob sie noch atmete, schlug sie auf einmal die Augen auf.
Anstatt zu sehen was es war: ein Zufall, behauptete die umstehende Menge eine Wunderheilung gesehen zu haben. Das brachte Jo natürlich in Schwierigkeiten.
Zumal der alten Dame dann angeblich plötzlich der Geldbeutel fehlte. Wo zur Hölle der geblieben war wusste Jo auch nicht. Ob ihn einer der Sanitäter eingesteckt hatte, ob der sonstwie verloren gegangen war oder die Alte überhaupt keinen dabei hatte, war ihm mittlerweile auch völlig egal. Irgendein selbstherrlicher Staatsanwalt namens H. E. Rodes jagte ihn seitdem. Er behauptete in der Öffentlichkeit das Jo die Dame niedergeschlagen und ihr den Geldbeutel gestohlen habe.
Seither wurden sie von der Garde verfolgt.
Sie schlichen durch die leeren Nebenstrassen der Kleinstadt, erreichten einen kleinen alten Park und machten eine Pause an einem alten Spielplatz. Jo legte sich auf die Wiese und betrachtete die Sterne. Irgendwie passierten ihm dauernd so Sachen.
Seit er geboren wurde. Ihm schien es kein Glück zu bringen das er ausgerechnet am 24. Dezember geboren worden war. Die Alten aus seinem Dorf erzählten immer, das sei ein besonderes Datum, es bringe Glück denn es sei das Geburtsdatum des
"Herrn".
Aber Glück sieht wohl doch anders aus. Entweder machten Sie ihn dafür verantwortlich das die Nachbarin eine Frühgeburt hatte, oder sie lasteten ihm Dienstahl an oder Wunderheilung oder beides, Hauptsache es war schlecht. Er konnte sich ja viele Dinge selber nicht erklären, aber er hatte nie bewusst etwas schlechtes getan oder tun wollen.
Es raschelte im Gebüsch. Sofort sprangen alle auf aber nichts und niemand kam aus dem Gebüsch.
"Wir müssen weiter," beschloß Simon. Er zog Jo an der Schulter herum und hinter sich her.
Eine Weile liefen die beiden Freunde schweigend nebeneinander her, dann brach Simon das Schweigen.
"Wird das immer so gehen, Jo?"
"Ich weiss es nicht. Ich kann dir das nicht sagen." Jo war selber nicht eben begeistert. "Aber woher wussten die eigentlich, wo wir waren?"
"Kein Ahnung, ausser Juda hat niemand heute das Haus verlassen." Jo warf einen verstohlenen Blick zu dem jungen Mann aus England. Juda war einer der letzten die zu ihnen gestossen war. Er war ein schweigsamer verschlossener Typ dem auch noch niemand so recht traute. Er erinnerte sich. Juda war am Morgen für einige Stunden verschwunden und hatte angeblich etwas zu Essen besorgen wollen. Jo wusste nicht ob er auch etwas mitgebracht hatte. Irgendwie wusste sowieso nie jemand was Juda machte. Er war einfach nur da, sprach wenig und schien sich auch nicht so richtig für die anderen zu interessieren.
"Wo gehen wir hin, Simon?"
"Erinnerst du dich an die Hausbesetzer? Die wir vorgestern getroffen haben? Die werden sicher noch Platz haben. Haben sie jedenfalls gesagt."
Harte Tritte in die Seite weckten Joe. Als er die Augen aufschlug und aufspringen wollte, sah er die Waffen. Widerstand war offenbar zwecklos. Keine Stunde später sass er in einer Verhörzelle. Man hatte ihn von seinen Freunden getrennt, auch von Mary. Plötzlich fehlte sie ihm. Er dachte an den Duft ihres Haares als sie sich ein Hotel leisten konnten und sie aus der Dusche kam. Merkwürdigerweise hatte ihn ihre Vergangenheit nie gestört.
H.E. Rodes betrat den Raum.
"Sieh an, unser Wunderheiler." Rodes' Grinsen war so schmierig wie man es sich nur denken konnte.
"Ich habe den Geldbeutel nicht geklaut."
"Hier geht es schon lange nicht mehr um den Geldbeutel, junger Freund. Die Leute reden. Wunderheiler sind in unserer Welt eine Sensation. Sie geben den Menschen Hoffnung. Die Menschen wollen glauben. Es lenkt sie ab von ihren Sorgen. Wusstest du, das sie dich schon den 'neuen Messias' nennen? Das sie glauben du führst sie in eine bessere Welt?" Jo starrte den Staatsanwalt erschrocken an. Wirtschaftskrisen und Kriege hatten in den letzten Dekaden den Menschen jede Hoffnung genommen. Korrupte Politiker und Polizisten bestimmten das Leben in diesem Land. Typen wie Rodes zum Beispiel. Plötzlich wurde Jo klar, warum Rodes so eine Hexenjagd veranstaltete. Es ging nicht um den Geldbeutel, es ging nicht um wieder aufwachende Omas, es ging darum zu verhindern das die Menschen Hoffnung schöpften.
"Verstehe", ätzte er. "Was werden sie mit mir tun?"
"Lobotomie", grinste Rodes grausam. "Und danach stellen wir sie als sabbernden Idioten aus. Damit die Menschen sehen das
sie sicher keine Wunder vollbringen." Rodes setzte sich.
"Sehen Sie, junger Freund. Es ist schwer genug, die Ordnung aufrecht zu erhalten."
"Ordnung? Der Hunger, die Armut?"
"Es gibt keine Kriege mehr, oder?"
Als sie Jo mit ausgebreiteten Armen fixierten, wurde ihm klar, das dies wohl seine letzten, bewussten Wahrnehmungen sein würden. Er hatte durch die Zellenwände noch lange mit Simon reden können und sich von ihm verabschieden. Mary hatte er nicht mehr gesehen.
Sonnenlicht fiel durch das Fenster des Behandlungszimmers und Jo fiel in die Dunkelheit.
Simon starrte in das flackernde Feuer, das die Graffitis auf den abbruchreifen Wänden beleuchtete. Wieder einmal hatte er Jos Geschichte erzählt. Nach dessen Lobotomie hatten Rodes und die Gardisten Jo auf dem Marktplatz gezeigt. Es war entwürdigend.
Simon und die anderen hatten sich danach getrennt. Ihre Gemeinschaft war zerfallen, manchmal sahen sie sich noch, aber eines hatten sie gemeinsam: sie alle wurden immer und immer wieder danach gefragt wie das war, damals mit Jo. Jeder erzählte die Geschichte ein wenig anders, jeder hatte andere Erinnerungen an ihn.
Mary war nicht wieder aufgetaucht. Nur Juda hatten sie gefunden. In dem Haus in dem er sie verraten hatte hing er an einem Seil vom Gebälk des zerstörten Daches.
Jo würde in der Erinnerung der Menschen lebendig bleiben. Dafür wollten Simon und die anderen sorgen.
Sie würden seine Geschichte nur oft genug erzählen müssen.
Frohe Weihnachten da draussen, wo immer ihr auch weihnachtet. :)
and:
Happy Birthday Jesus.
(Zitat Montagsmundschenk)Tags: Fühlen, Leben , Weihnachten, Jo's Weg,
Goodbye 2009 « Jo's Weg » Houston? Haben wir ein Problem?
1 Kommentar
irgendlink
07.01.2010; 14:11
Toll!