Pilgrimm go home

Soulsnatcher 24.07.2011; 05:33;

Kategorien: Leben ,

Es ist irgendwie auch schön sich noch einmal in die eigene Heimat ein klein wenig verlieben zu können, denke ich beim durchstreifen der Fußgängerzone. Endlich einmal bin ich wieder hier. Lange genug um die Zeit genießen zu können. Diesmal will ich auch alte Freunde treffen.
Einer davon ist Bernd. Wir treffen uns zwei Tage später. Seit zwanzig Jahren oder so sind wir nicht mehr zu zweit in eine Kneipe gegangen. Es wird Zeit. Im "Lacubana" essen wir etwas, ziehen uns danach auf die bequemen Sofas in der Lounge zurück. Ich geniesse den Barbados-Rum und eine Zigarre, er muss leider fahren. Aber den Gesprächen schadet es nicht.
Wir verlaßen das kubanische Restaurant als einige der letzten und ich entscheide das ich zu Fuß heimgehe. Gemütlich, ohne Zeitdruck schlendere ich durch das verschlafene Nest und summe leise die Melodie eines alten Deutschrock Songs. "Letmathe, Letmathe. Kleine Stadt muss schlafen gehen..."
Es hat sich viel verändert hier. Die Spedition in der ich als Jugendlicher etwas Geld nebenher verdiente ist um einiges größer geworden. Sicher fehlt jetzt auch hier das familiäre Flair das Speditionen früher zu eigen war und den Job erträglicher, ja liebenswert machte.
Ich erreiche den Abzweig zu dem kleinen Industriegebiet indem ich einen Teil meiner Kindheit verbrachte.
Ob unser Yukon noch da ist? Schmunzelnd entscheide ich mich für den kleinen Umweg und gehe den Berg hinauf. Ja, unser kleines Yukon gibt es noch.
Seit Jahrzehnten steht hier eine kleine Gießerei welche am äußeren Rand ein kleines Abfallbecken besitzt.
Hier kamen immer die Gussreste hinein. Schwarzer, verschmorter Sand der, wenn man nur lang genug suchte, noch Reste kleiner Messingstücke enthielt. Gusszapfen die aussahen wie kleine Goldnuggets. Oft wurden wir von den Arbeitern vertrieben - genauso oft gingen wir wieder hin.
Heute hat sich jedoch einiges geändert. Schwere rostige Stahlbleche decken das Becken ab, verbeult und trotzig verwehren sie den Zugang. Auch der Name der Gießerei ist anders als früher. Aus dem Familiennamen wurde die Bezeichnung für den Vogel der sich aus der Asche erhob, versehen mit dem Zusatz "Company".
So ändern sich Zeiten und Namen, doch eigentlich bleibt alles beim Alten, in "unsrer kleinen Stadt". Lost Place in Herdecke
Ich schlendere weiter, unter dem gewaltigsten Bauwerk des Ortes hindurch: der Autobahnbrücke. Die wurde in den 70er Jahren hierher geklatscht, überspannt das komplette Tal und spendet dadurch einen immerwährenden Schatten. Der halbe Berg wurde dafür abgetragen und für uns Kinder war diese große Baustelle ein einziger, gigantischer Abenteuerspielplatz. Hier machten wir alle erdenklichen Dummheiten. Ich muss grinsen als ich daran denke das ich da wohl auch meine erste Zigarette geraucht habe.
Mit Kronprinz und Prinzessin kann ich ebenfalls viel Zeit verbringen. Wenn die kleinen, zarten "Ärmchen" sich um meinen Hals legen, werden die Knie weich. Nachdem mein Kronprinz und ich uns ausgiebig damit beschäftigen, Multimillionen Dollar teure Satelliten dazu zu verwenden, Tupperware im Wald zu finden, nebenbei noch schlafende Säufer auf der Strasse finden und ich nachts meine Mutter wecken muss, reicht die Zeit noch für einen Besuch im Sealife.
Auf dem Rückweg schläft die Prinzessin tief und fest, den Schlaf der Gerechten Stör.
In Herdecke verbringe ich den letzten Abend mit "Ilse und Willi aufm Land". Es gibt Wildblumensalat mit Unkrautdressing, dazu selbstgebackenes Brot, Wurst und Käse. Urig und lecker, abgerundet mit Norddeutschem Bier. Bumensalat mit Wildkräuter-Joghurtdressing




Irgendwann werden meine beiden Gastgeber müde und gehen zu Bett. Ich muss noch meinen Koffer aus dem Wagen holen, stehe eine Weile vor dem Haus, trinke eine Flasche Bier, rauche eine letzte Zigarette und höre dem Wind zu. Der fährt durch die langen, trockenbraunen Grashalme, durch Wiesenbärenklau und Acker-Kratzfüße, durch die Bäume die beim Einzug noch viel Kleiner waren und saust den Weg hinauf. Irgendwo bellt ein Hund.
Ich lausche dem Rauschen, höre was der Wind mir erzählt und meine Gedanken wandern in der Zeit zurück. Frühe Jahre, glückliche Jahre, junge Jahre. Die Kammerzofe, die ich hier kennenlernte, die das Herz berührte, später brach und auch wieder ein wenig kittete, der treue Hund an meiner Seite. 
Vergangenheit. So sehr Geschichte wie das erste Auto und der erste Kuss. Vielleicht nicht ganz. Sie fehlen mehr, hinterließen eine Lücke.
Im Gästezimmer finde ich mein Lager für die Nacht. Das "Afrikazimmer".
Ich betrete den Raum, aufgrund der Ruhe im Haus regelrecht schleichend. Er ist dekoriert mit hölzernen Giraffen und Massaii, mit Truhen und Bildern. Die hier lagernden Kräuter verbreiten einen angenehmen, aromatischen Duft. Sicher hat allein dieses Aroma mehr Heilkräfte als eine Wagenladung Aspirin.  In der Ecke stehen die vom Kampf schartigen, mittelalterlichen Schwerter, die Decke ist mit Bastmatten verkleidet. Eine andere Welt. Geborgenheit.
Der Abschied fällt wie immer schwer, die Erinnerungen aber begleiten den Heimweg.
Letztlich das, was zählt: Heimkommen.
Gute Wiederkehr da draußen, wo immer ihr euch auch Geborgen fühlt.

Tags: Leben , Heimweh, Letmathe,



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Verlag: Books on Demand Gmbh; Auflage: 2. Auflage. (3. Dezember 2010)
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ISBN-13: 978-3839126011

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